Tuesday, April 5, 2011

Eine Reisebegegnung

Achtung: Enthält eventuell relevante Informationen zum Abenteuer "Turney zu Adhelstan".



Mit den unbequemen Mahlzeiten auf dem Karren hatte ich mich nach ein paar Tagen halbwegs abgefunden. Ich saß mal wieder neben Elwedritsch auf dem Karren, es war nachmittag und regnete zur Abwechslung mal, die Straße war matschig und wir kamen noch langsamer als sonst voran, als wir auf einmal Kampfeslärm hörten. Der Fian Ganymed und die eine Elfe, Ithilwen, von der ich nicht recht wusste, was sie eigentlich war – sie schien sich vorzüglich aufs Jagen, Spurenlesen und solcherlei Dinge zu verstehen – preschten vor, die Ordenskriegerin Terra folgte ihnen mit Herewald, der eigentlich seinen Arm schonen sollte, und mit Reina, der KanThai, die dicht von Farand gefolgt war. Wir fuhren noch bis zur Ecke und brachten uns dann hinter dem Karren in Sicherheit, wobei sich Guineth und Niphredil, beides Heilerinnen, uns anschlossen. Marcello indes stürmte ebenfalls vor ins Kampfgetümmel.

Ganymed und Ithilwen hatten, soweit ich das erkennen konnte, ein paar der Angreifer unter Beschuss – Orks. Soviel erkannte ich, obgleich ich noch nie zuvor einen gesehen hatte. Sie waren schon extrem hässlich und ich konnte sie bis hinter den Karren riechen - das verdarb selbst mir den Appetit. Etwa ein Dutzend von ihnen hatten offenbar bis vor ein paar Sekunden einen einzelnen Mann attackiert, der schon recht mitgenommen aussah – kein Wunder. Jetzt kam etwa die Hälfte in unsere Richtung gerannt, Ithilwen und Ganymed steckten ihre Bögen weg und zogen ihre Schwerter. Elwedritsch spannte seinen Schirm auf, und einer der Orks sank, offensichtlich von irgendwas getroffen, zu Boden. Etwas misstrauisch beäugte ich den Schirm, Elwedritsch grinste mir zu und wandte sich dann wieder dem Kampfgeschehen zu, was ich ebenfalls tat. Ich sah, wie Reina ihre merkwürdige Waffe, eine an einer Kette befestigte Sichel, in großem Bogen schwang, als sie auf die Angreifer zulief, den ersten verfehlte, dem zweiten mit einem sehr hässlichen Geräusch ein Bein abschlug und dem dritten die Sichel seitlich in die Bauchgegend grub. Auf diesen schlug sie weiter ein, während Marcello sich einen anderen vornahm und ihn mit blitzschnellen Streichen seines Rapiers auseinandernahm. Farand erging es nicht so gut: Kaum hatte er den ersten Ork ins Visier genommen, zog ihm dieser mit einer Keule eins über dem Kopf, so dass er gurgelnd zusammenbrach. Eine Schreckenssekunde lang dachte ich, er sei tot, doch dann sah ich, dass er sich noch schwach bewegte und offenbar versuchte, vom Kampf wegzukriechen. Ganymed hielt inne, als er das sah, sprang vor fing den nächsten Hieb des Orks ab, bevor er ihn einmal der Länge nach aufschlitzte. Dann nahm er Farand auf, um ihn zu uns zu tragen, setzte ihn bei uns ab und stürzte sich erneut ins Getümmel. Niphredil begann sofort damit, die Platzwunde am Kopf zu stillen. Inzwischen war auch Ithilwen bei den Orks angekommen, und ab da war es nur noch ein einziges Getümmel. Wir, also im wesentlichen Niphredil, verarztete Farand – er hatte danach einen dicken Verband um den Kopf. Die anderen schienen ohne große Probleme die restlichen Orks niederzumetzeln. Ein bisschen gruselig war es schon, ich war froh, dass ich zu den Abenteurern gehörte…

Endlich war es vorbei, und wir kamen vorsichtig näher, wobei ich darauf achtete, nicht auf Orks oder deren Blut zu treten. Widerlich! Und wie sie stanken!

Wir gelangten zu dem armen Menschen, dem wir zur Hilfe geeilt waren. Da sah ich, dass er auch spitze Ohren hatte - noch ein Elf also. Niphredil begann gleich, ihm Verbände anzulegen und murmelte anschließend einige Heilsprüche, wobei Guineth ihr zur Hand ging und ich nur hin und wieder einen Handgriff tat, wenn es nötig war. Die beiden waren ein gut eingespieltes Team, für mich gab es da nicht mehr viel zu tun.

Als der Mann wieder soweit hergestellt war, stellte er sich als Ringol vor. Er sei königlich albischer Waldläufer. Wir machten uns wieder auf den Weg nach Adhelstan, während er weiter erzählte, auf dem Karren sitzend. „Es wundert mich nicht, dass ich angegriffen wurde, aber ich bin froh, dass ihr zur Stelle wart, und möchte euch noch einmal danken, dass ihr mich gerettet habt, denn andernfalls wäre möglicherweise auch Wissen verloren gegangen, das besser erhalten bliebe. Wisst ihr, ich bin seit einigen Jahren auf der Jagd nach einem Finstermagier. Ich habe die Spur manchmal verloren, aber jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass er hier in der Gegend sein Unwesen treibt. Ich bin davon überzeugt, dass er diese Orks geschickt hat, um mich zu töten, weil ich ihm auf die Schliche gekommen bin. Ihr solltet euch vor ihm in Acht nehmen, er hat sicher beobachtet, was hier vorgefallen ist.“

Na großartig… Ein Finstermagier. Der uns wahrscheinlich jetzt alle umbringen will. So hatte ich mir mein erstes Abenteuer wirklich nicht vorgestellt. Andererseits, warum auch nicht? Dann hatte ich Odur wenigstens was zu erzählen, wenn ich ihn mal treffen sollte auf unseren Reisen. Nachdenklich kauend saß ich auf dem Karren und hatte doch tatsächlich einmal vergessen, dass man beim Essen nicht über wichtige Dinge nachdenken soll.

Sunday, April 3, 2011

Der erste Reisetag

Gleich am nächsten Tag musste ich feststellen, dass meine Reisegefährten nicht gerade einfach waren, was das Essen anging. Als ich mich zum zweiten Frühstück am Straßenrand niederlassen wollte, fragten sie völlig verständnislos, was ich vorhätte. „Es ist Zeit für das zweite Frühstück“, sagte ich ihnen, „schaut mal, wie hoch die Sonne schon steht.“ Verwirrung machte sich scheinbar breit, nur der Gnom, Elwedritsch, stieg ab und wollte sich dazugesellen. „Nichts da“, hieß es dann von Ganymed, dem Fian. „Wir wollen schließlich rechtzeitig zum Turnier in Adhelstan ankommen. Schließlich sind wir ja angeblich Terras ‚Gefolgsleute‘“ – er warf ihr einen etwas beleidigten Blick zu – „und sie muss ja für ihren Jugendfreund Herewald am Turnier teilnehmen, da er ja einen verletzten Arm hat!“ Es folgte ein genervter Blick zu genannter Blechbüchse. Dieser quasselte ununterbrochen, und auch wenn ich nichts gegen ein gelegentliches Schwätzchen habe, muss ich doch zugeben, dass er ein wenig nervig war, und ich ihm gerne mal einen guten Rat gegeben hätte.

Doch jetzt stand ich vor einem ganz anderen Problem: Einige schienen Ganymed Recht zu geben. „Aber wir müssen doch was essen! Wir können doch nicht ohne Frühstück weiterreiten!“ „Wir haben doch schon gefrühstückt…“, kommentierte Ganymed. „Ja, aber was ist mit dem zweiten Frühstück?“ „Nichts da, wir reiten weiter bis heute Abend. Da gibt’s dann im Gasthaus wieder was zu essen.“ „Also ich könnte auch was essen“, merkte Elwedritsch an. „Also gut, stimmen wir ab. Wer ist dafür, dass wir jetzt eine Pause machen und was essen?“ Elwedritsch, Farand und ich hoben die Hand. „Wer ist dagegen?“ Fünf Hände hoben sich. Seufzend fügte ich mich meinem Schicksal. „Ihr könnt euch ja auf meinen Karren setzen und da was essen“, schlug Marcello vor. Ziemlich eingeschnappt über die Ignoranz der großen Leute kletterte ich auf den Wagen und packte ein großzügiges Picknick aus, auf Elwedritsch’s Wunsch zauberte ich auch noch einen Krummbeerekuchen, zu albisch einen Kartoffelkuchen herbei. Der Hund, Balian, der sich bei der Gruppe befand, bekam selbstverständlich auch ein großes Stück Schinken.

Gegen Mittag versuchte ich noch einmal, die Leute zu überzeugen, dass es doch viel schöner und sinnvoller sei, zum Essen anzuhalten. „Sag mal, wie willst du denn was erleben, wenn du die ganze Zeit nur isst?“, wurde ich gefragt. „Na ganz einfach – die Abenteuer kommen doch zu mir, wenn ich an einer Stelle bleibe. Wenn ich dauernd vor ihnen wegreite, dann holen sie mich doch nie ein.“ „Aber es wäre doch blöd, wenn du beim Essen von Räubern überfallen wirst?“ „Nee, das wäre doch spannend. Außerdem würden sie mich ja nicht überraschen, weil ich warte ja quasi auf sie.“ „Naja, aber du weißt ja nicht, dass sie kommen. Es ist doch besser, wenn man selber das Abenteuer findet, als wenn das Abenteuer einen findet. Dann ist man wenigstens vorbereitet.“ Diese Logik gefiel mir zwar ganz und gar nicht; welchen Sinn hatte es, Abenteuer zu suchen, wenn sie doch von selber kamen und man gemütlich bei einem Picknick auf sie warten konnte? Aber ich verzehrte auch mein Mittagessen auf dem Karren.

Die restlichen Tage murrte ich noch ab und zu, freundete mich aber langsam mit der Karren-Lösung an, da ich einsah, dass Widerspruch zwecklos war.

Wednesday, March 30, 2011

Wie alles begann

Es fing vermutlich damit an, dass ich das Halfdal verließ. Ich tat dies guten Mutes – meine Ausbildung war fast abgeschlossen, und nun zog ich aus, um die Welt der Großen zu erforschen. Mein treues Pony, Gundel, trug meine Vorräte, denn Odur Habustin, ein Cousin siebten Grades des Schwagers meiner Cousine, hatte mir in seinen zahlreichen Briefen aus der Fremde immer wieder berichtet, dass die Essgewohnheiten der großen Leute doch sehr zu wünschen lassen. So hatte ich Gundel alles aufgeladen, was ich bekommen und sie tragen konnte. Leider reichte es nur für etwa die Hälfte der Strecke nach Twyneward – dort wollte ich mich zunächst nach Reisegefährten umsehen, denn so ganz allein wollte ich dann doch nicht reisen. Schließlich macht kochen gleich nochmal so viel Spaß, wenn andere Leute mitessen.

Nach etwa zwei Wochen Reisezeit, auf der mich viele Leute komisch angesehen hatten, wenn ich mich zum zweiten Frühstück, Mittagessen oder Fünf-Uhr-Tee auf meinem Tischtuch am Straßenrand niederließ, woraufhin ich ihnen etwas zu essen angeboten hatte, was sie aber ausnahmslos ablehnten – wirklich sehr unhöflich, diese großen Leute – erreichte ich Twyneward. Es stellte sich auch schnell heraus, dass einer der Gastwirte, Baldred, zur Zeit auf der Suche nach einer Köchin war. Dieser stellte mich auch prompt ein, so dass ich zunächst einige Zeit in seinem Gasthaus verbrachte.

Eines Tages war eine große Zauberer-Vorstellung im Gasthaus angekündigt, wohl auch um ein wenig mehr Kundschaft anzulocken. Ich war sehr gespannt: Einen Zauberer sieht man nun einmal, gerade im Halfdal, nicht alle Tage. Das Gasthaus füllte sich dann am entsprechenden Abend auch recht früh, die Gäste waren gemischt, einige Zwerge waren da, ein paar seeehr große Menschen – man sagte mir, es seien Waelinger, wo auch immer die herkommen mögen – viele Einwohner von Twyneward, und auch einige Abenteurer auf der Durchreise entdeckte ich. Ich nahm mir gleich vor, sie später nach ihrem Ziel zu fragen, und ob ich mich ihnen vielleicht anschließen könnte.

Doch zunächst galt es, den Durst der Gäste zu stillen – Hunger schien merkwürdigerweise keiner zu haben – und dann die Vorstellung zu genießen. Ich bemühte mich also nach Kräften, alle Gäste zu bedienen, bevor es losging, aber irgendwann war einfach kein Durchkommen mehr für mich, da es viel zu voll war in der kleinen Stube. Endlich saßen alle, die Vorhänge wurden zugezogen, es wurde dunkel. Dann plötzlich, mit einem lauten Knall und einem grellen Lichtblitz, erschien ein Mann auf der Bühne. Er trug ganz eindeutig einen Zauberermantel, mit vielen glitzernden Sternen drauf, und einen spitzen Hut, den er festhielt, während er sich übertrieben gestikulierend verbeugte und sich als „der größte Zauberer aller Zeiten“ vorstellte. Mehr konnte ich nicht erkennen, da ich ganz hinten an einem Tisch saß. Die vordersten Tische waren von den Abenteurern, den Waelingern und den Zwergen besetzt, die Waelinger und die Zwerge hatten schon einiges an Bier getrunken.

Nach einigen doch recht amüsanten Tricks erklärte der größte Zauberer aller Zeiten, dass er vorhabe, seine Kunst im Messerwerfen zu demonstrieren – eine höchst fragwürdige Kunst, wenn ihr mich fragt. Messer sind dazu da, damit zu essen, nicht zum werfen. Er sprach eine junge Frau aus der Abenteurergruppe an, die sich nach kurzem Zögern als Freiwillige bereiterklärte. Sie drückte einer anderen Frau ein kleines Päckchen in die Hand, das sie aus ihrem Rucksack geholt hatte, sobald vom Messer werfen die Rede gewesen war, und murmelte ihr etwas zu. Der Zauberer, nein, Verzeihung, ich meinte natürlich der größte Zauberer aller Zeiten, grinste breit, soweit ich das beurteilen konnte. Die junge Frau – sie zählte vielleicht 16 Jahre – stellte sich vor die Wand. Das Publikum wurde merklich unruhig, aber sie hielt still. Glücklicherweise. Denn die Messer schlugen dicht neben ihrer Hüfte ein – erst eins neben ihrer rechten Schulter, dann eines neben ihrer linken Schulter, und zu guter Letzt warf der Zauberer zwei Messer gleichzeitig mit einer Hand, und diese bohrten sich auf beiden Seiten ihrer Hüfte mit etwa 2cm Abstand in die Wand. Ein riesen Applaus brach los. Er verbeugte sich, bedankte sich bei seiner Assistentin, die ihn breit angrinste und sich wieder hinsetzte, dann kündigte er eine Pause an.

Ich beeilte mich, den Gästen neue Getränke zu bringen, einige gingen hinaus, um ein bisschen frische Luft zu schnappen, darunter auch die freiwillige Assistentin, andere begrüßten Bekannte aus der Stadt, die sie eben erst entdeckt hatten. Zu den Abenteurern hatte sich ein Mann in einer Blechbüchse gesellt, der sich angeregt mit einer Frau aus der Gruppe unterhielt, die in eine ebensolche Blechdose gekleidet war. Wirklich merkwürdige Angewohnheiten. Wobei diese zwei nicht die ersten Menschen waren, die ich so gekleidet sah. Einer der Abenteurer, jetzt, wo ich genauer hinsah und auch etwas näher war, erkannte ich, dass er spitze Ohren hatte, unterbrach die Blechbüchse, scheinbar erbost. Aus Odurs Briefen wusste ich, dass es sich um einen Elfen handeln musste. Ich betrachtete auch die anderen etwas genauer und entdeckte, dass auch zwei der Frauen Elfen waren. Eine dritte Frau sah sehr fremdländisch aus, ihre Augen waren wie zu Schlitzen verengt, sie war sehr blass. Eine weitere Frau war dabei, die ich auf den ersten Blick als Albai einschätzte – an ihr war nichts besonders auffälliges. Ein Junge saß noch am Tisch, scheinbar ebenfalls Albai, und richtete sich offensichtlich, auch wenn er sich dessen vielleicht selbst nicht gewahr war, nach der fremdländischen Frau, hörte ihr aufmerksam zu, wenn sie sprach, und ahmte sie in manchen Gesten nach.

Ich hatte keine Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen, bevor es weiterging. Diesmal fragte er das Publikum danach, wie viel Seidenstoff sich ihrer Meinung nach im Kopf eines der Waelinger finden würden. Er begann tatsächlich, dem Waelinger Stoff aus einem Ohr zu ziehen. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Ich sah nur, wie der Waelinger ausholte, dann brach eine Schlägerei los, die zunächst nur die Waelinger und die Zwerge betraf, kurz darauf mischten sich die Abenteurer ein, wobei sie hauptsächlich versuchten, Zwerge, Waelinger und den Zauberer auseinanderzuzerren, und auch ein Gnom sprang von der Bühne, wo der auf einmal herkam, wusste ich nicht. Die anderen Gäste, zum Teil schon recht betrunken, ließen sich nicht lange bitten und stürzten sich mit ins Handgemenge. Sehr unzivilisiert, diese großen Leute. Ich versuchte zu retten, was zu retten war – im Wesentlichen war das der Bierkrug, der vor mir stand – und verkroch mich hinter dem Tresen. Den Wirt sah ich gerade aus der Tür laufen, vermutlich war er auf dem Weg, die Stadtwache zu holen. Auf einmal sah ich ein gleißend helles Licht, doch es gelang mir, die Augen abzuwenden, bevor ich gar nichts mehr sehen konnte. Ich sah, wie die Abenteurer sich das ganze ansahen, feststellten, dass sich jetzt alle gezwungenermaßen wieder recht friedlich verhielten, und sich zur Tür hinausschoben.

„Hey, wartet kurz!“ Ich lief ihnen hinterher. Das Mädchen, die Assistentin, drehte sich zuerst zu mir um und sah mich fragend an. „Könnt ihr nicht hierbleiben? Die da drinnen“ – ich deutete mit dem Daumen nach hinten „sind zwar im Moment außer Gefecht gesetzt, aber ich glaub nicht dass das so lange hält…“ Alle sahen den Magier an, der auf den Gnom gestützt stand, was recht ulkig aussah. „Nein, das geht nicht…“ meinte der. „Könnt ihr nicht wenigstens dableiben, bis die Stadtwache kommt?“ „Was? Die Stadtwache? Oh nein, können wir bitte schnell verschwinden?“ „Warum denn? Was hast du denn ausgefressen?“ Das wär das Mädchen. „Das… äh… ist eine lange Geschichte, die ich euch später mal erzählen kann. Jedenfalls würde ich ungerne der Stadtwache begegnen. Können wir also los?“ Nachdenkliche und verwunderte Blicke wurden getauscht. Ich schaltete mich wieder ein. „Ihr könnt ja auch oben auf dem Zimmer warten… Und ich hol euch dann wenn was ist. Eigentlich habe ich eh nach so Leuten wie euch gesucht. Eigentlich will ich nämlich Abenteuer erleben!“ Zweifelnde Blicke. „Na kommt, ihr könnt jedenfalls nicht ohne was zu essen gehen. Ihr könnt es euch ja auf eurem Zimmer gemütlich machen, und ich bringe euch was hoch.“ „Na komm schon, Marcello!“ Der Gnom sah den Zauberer erwartungsvoll an. „Na schön. Aber ihr sagt keinem, dass ich da bin, ja?“ Ich nickte. Ich war auch furchtbar neugierig, warum er nicht wollte, dass die Stadtwachen ihn sahen, aber erstmal war ich froh, dass ich sie überredet hatte, zu bleiben.

Auf dem Zimmer stellte ich mich erst einmal vor und fragte sie nach ihren Namen. Der Zauberer hieß, wie ich schon mitbekommen hatte, Marcello, „Der größte Zauberer aller Zeiten“, der Gnom, scheinbar sein Helfer, hieß Elwedritsch, die fremdländische hieß Mirai Reina, wurde aber Reina genannt – sehr komisch, zuerst den Nachnamen zu nennen, wenn ihr mich fragt - der Elfenmann hieß Ganymed, das Mädchen Guineth – hier klingelte bei mir schon irgendeine Glocke, die ich aber nicht zuordnen konnte – die Elfenfrauen Ithilwen und Niphredil, die Blechbüchse Terra de Soel, der Junge Farand, die albische Frau Cliona. Und da wusste ich es dann, woher sie mir bekannt vorkamen: Odur hatte mir von ihnen geschrieben! Er war ihnen in Haelgarde begegnet, wenn ich mich recht erinnerte. So ein Zufall! Ich fragte sie gleich nach ihrer Begegnung mit ihm aus, und nach ihrer Reise, was sie wohl recht lustig fanden. Doch rasch besann ich mich auf meine Gastgeberpflichten und ging hinunter, um etwas zu essen zu holen. Unten war die Stadtwache bereits eingetroffen und führte Befragungen durch. Auch ich wurde abgefangen und befragt, verschwieg ihnen aber, dass der Zauberer, nach dem sie suchten, oben im Zimmer war. Sie fragten mich auch danach, wer denn mit Messern beworfen worden sei, und ich gab ihnen die Auskunft, dass das betreffende Mädchen noch oben sei. Ich bot ihm an, Guineth holen zu gehen, gab ihm noch etwas zu essen und ging wieder hoch, wobei ich ganz vergessen hatte, dass ich ja auch etwas zu essen mit hoch bringen wollte.

So begleitete ich Guineth wieder nach unten, holte etwas zu essen für alle anderen und trug es hoch, während sie sich der Wache gegenüber niederließ. Die anderen erzählten mir begeistert von ihren Abenteuern, unterbrachen sich manchmal gegenseitig und schienen viel Spaß an der ganzen Sache zu haben. Einige Zeit später kam auch Guineth wieder hoch, ein bisschen rot im Gesicht. Sie verkündete, dass die Stadtwachen abgezogen wären und jetzt planten, die Stadttore kontrollieren zu lassen, damit ihnen der Magier nicht entkommen konnte, auch wenn sie es wohl geschafft hatte, der doch nicht sehr intelligenten Wache irgendwie klarzumachen, dass Marcello sie mit den Messern nicht hatte treffen wollen, dass es eine Show gewesen war.

Jedenfalls wurde beschlossen, dass man sich doch besser schnell auf den Weg machen sollte. „Ich darf doch mit, ja?“, bettelte ich. „Ich koche auch für euch!“ Seufzen, Schulterzucken, neugierige Blicke von Farand, dem Jungen, dann, ohne dass man wirklich darüber gesprochen hatte, ein Nicken von Niphredil. Strahlend machte ich mich auf, um dem Wirt zu erzählen, dass ich ihn jetzt alleine lassen würde mit seiner kaputten Gaststube und meine Sachen zu packen. Drei Pfund Brot, ein Schinken, Salz, Mehl, Eier wären auch ganz gut, aber wie sollte man die transportieren? Kochgeschirr, jede Menge Möhrchen, ein paar Kräuter, Tuffeln, und noch einiges mehr wanderten in die Packtaschen. Der gute Baldred, der Gastwirt, nahm die Neuigkeiten halbwegs gelassen auf: Er sah wohl ein, dass hier im Moment für mich ohnehin nichts zu tun war, nahm mir aber das Versprechen ab, wenn ich wieder in die Gegend kommen sollte mal vorbeizukommen. Das gab ich ihm gern, er war ein sehr netter Mann und hatte im Gegensatz zu einigen anderen großen Leuten vollstes Verständnis dafür, dass am Tag sechs Mahlzeiten nötig waren. Er erlaubte mir auch, von den Vorräten so viel mitzunehmen wie ich, oder vielmehr wie Gundel, mein Pony, tragen konnte.

Während ich also mit Packen beschäftigt war, hatte Marcello sich in ein Tagelöhner-Kostüm geworfen – ich erkannte ihn wirklich nicht wieder - wir machten uns sofort auf den Weg und passierten noch ungehindert die Stadttore, und so begann meine Abenteuerreise...

Felolie

Hallo,
Felolie ist mein Name, aber nennt mich Feli. Ich komme aus dem Halfdal, wo alles etwas kleiner ist - aber klein sein hat durchaus seine praktischen Seiten. Dort habe ich den Beruf einer Köchin erlernt, und ich bin gut darin, wenn ich das mal so sagen darf. Und auch wenn ihr großen Leute gutes Essen einfach nicht genügend zu würdigen wisst, werdet ihr sicher genauso denken, wenn ihr einmal von meinen Speisen gekostet habt. Außerdem bin ich Leomie-Priesterin und kann also niemanden ohne etwas zu essen von dannen ziehen lassen - da ich es aber ohnehin für eine schlechte Angewohnheit der großen Leute halte, Gästen nicht sofort und ohne Verzögerung etwas zu essen anzubieten, die von mangelnder Gastfreundschaft zeugt, koche ich gerne für meine Gäste und habe noch keinen hungrig aus meinem Haus gehen lassen. Eure Chancen stehen also gut, solltet ihr mich irgendwo treffen, einmal in den Genuss meiner Kochkünste zu kommen. Ich würde mich freuen, euch bewirten zu können, und auch eure Freunde dürft ihr gerne mitbringen.
Nun aber genug vom Essen, da ich weiß, wie ungeduldig ihr großen Leute stets seid - ihr seid gekommen, um über meine Abenteuer zu lesen, und so will ich denn davon berichten.